{"id":12243,"date":"2017-09-21T22:00:52","date_gmt":"2017-09-21T20:00:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gutenberg-gym.de\/?p=12243"},"modified":"2017-09-21T22:00:52","modified_gmt":"2017-09-21T20:00:52","slug":"zeitzeugen-aus-polen-zu-besuch-an-der-gbs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gutenberg-alt.wiesan.de\/hp\/2017\/09\/zeitzeugen-aus-polen-zu-besuch-an-der-gbs\/","title":{"rendered":"Zeitzeugen aus Polen zu Besuch an der GBS"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.gutenberg-gym.de\/hp\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Zeitzeugengespr\u00e4ch-Sch\u00fcler.png\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-12246 alignleft\" src=\"https:\/\/www.gutenberg-gym.de\/hp\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Zeitzeugengespr\u00e4ch-Sch\u00fcler-300x225.png\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/gutenberg-alt.wiesan.de\/hp\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Zeitzeugengespr\u00e4ch-Sch\u00fcler-300x225.png 300w, https:\/\/gutenberg-alt.wiesan.de\/hp\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Zeitzeugengespr\u00e4ch-Sch\u00fcler-768x576.png 768w, https:\/\/gutenberg-alt.wiesan.de\/hp\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Zeitzeugengespr\u00e4ch-Sch\u00fcler-1024x768.png 1024w, https:\/\/gutenberg-alt.wiesan.de\/hp\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Zeitzeugengespr\u00e4ch-Sch\u00fcler.png 1280w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Da wir uns im Unterricht der Q3 gerade mit der Zeit des Nationalsozialismus besch\u00e4ftigen, hat es sich angeboten, ein sogenanntes Zeitzeugengespr\u00e4ch mit Menschen zu f\u00fchren, die Hitlers Schreckensherrschaft \u00fcberlebt haben. Erm\u00f6glicht wurde dies dank der Stiftung &#8222;Zeichen der Hoffnung&#8220;.<\/p>\n<p>Im Unterricht hatten wir bereits viel Vorwissen sammeln k\u00f6nnen und uns einige angemessene Fragen \u00fcberlegt, die wir an unsere Gespr\u00e4chspartner, &#8211; n\u00e4mlich ehemalige H\u00e4ftlinge verschiedener Konzentrationslager &#8211; richten wollten und waren somit sehr gespannt, was uns erwarten w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Der ganze 12. Jahrgang hatte sich am Morgen des 14. September 2017 in der Aula versammelt, und wir Sch\u00fcler, die drei Zeitzeugen, ein evangelischer Pfarrer als Moderator und eine \u00dcbersetzerin wurden mit Kl\u00e4ngen Chopins, am Klavier gespielt von unserem Mitsch\u00fcler Nathanael, empfangen. Herr Dr. Buchwaldt begr\u00fc\u00dfte alle herzlich.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.gutenberg-gym.de\/hp\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Zeitzeugen-Klavier.png\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-12249 alignleft\" src=\"https:\/\/www.gutenberg-gym.de\/hp\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Zeitzeugen-Klavier-225x300.png\" alt=\"\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/gutenberg-alt.wiesan.de\/hp\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Zeitzeugen-Klavier-225x300.png 225w, https:\/\/gutenberg-alt.wiesan.de\/hp\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Zeitzeugen-Klavier-768x1024.png 768w, https:\/\/gutenberg-alt.wiesan.de\/hp\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Zeitzeugen-Klavier.png 960w\" sizes=\"(max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Der Pfarrer stellte uns dann Mariana (78 Jahre alt), Alicia (86 Jahre) und Eugenius (89 Jahre) vor. Alle drei kamen aus Polen und sprachen dementsprechend Polnisch, und nur wenige Worte Deutsch. Alle drei waren \u00fcberaus freundlich und machten den Eindruck, als seien sie gerne hier, um uns aus ihrer dunklen Vergangenheit zu berichten.<\/p>\n<p>Das Gespr\u00e4ch mit dem Herrn und den beiden Damen wurde durch den Pfarrer geleitet, indem er ihnen Fragen stellte, die die \u00dcbersetzerin auf Polnisch \u00fcbersetzte, dann die Zeitzeugen erz\u00e4hlen lie\u00df, um ihre Antworten anschlie\u00dfend auf Deutsch wiedergeben zu lassen. Unsere drei G\u00e4ste wollten uns alles so detailgenau wie m\u00f6glich berichten, wie es ihre Erinnerung erlaubte.<\/p>\n<p>Dieses Interview dauerte ca. eine \u00be Stunde, w\u00e4hrend der wir gebannt zuh\u00f6rten und uns in eine f\u00fcr uns wirklich unvorstellbare Zeit versetzen lie\u00dfen. Die erste Frage, ob sie sich denn gerne hier in Deutschland aufhielten, nachdem viele Deutsche ihnen in ihren jungen Jahren derart grausame Dinge zugef\u00fcgt hatten, bejahten alle drei. Anfangs h\u00e4tten die beiden Frauen gro\u00dfe Sorgen gehabt, nach Deutschland zu kommen und seien durch ihre Erinnerungen traumatisiert gewesen; Eugenius aber erz\u00e4hlte stolz, er sei unvoreingenommen gewesen, h\u00e4tte keinerlei Vorurteile gehabt und k\u00f6nne seit jeher zwischen guten und b\u00f6sen Menschen unterscheiden. Alle drei f\u00fchlten sich von Anfang an herzlich willkommen und aufgenommen in Deutschland.<\/p>\n<p>Eugenius erz\u00e4hlte, er komme aus Warschau, wo es viele j\u00fcdische Zentren gab, und dass seine sehr religi\u00f6se Familie viel Kontakt zu Juden gepflegt und sogar einen Juden namens Jan Petruschka versteckt gehalten habe. Ein \u201eFreund\u201c aus der Nachbarschaft aber habe das Geheimnis verraten, woraufhin Eugenius als 15j\u00e4hriger zusammen mit seiner ganzen Familie verhaftet und in das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau gebracht wurde.<\/p>\n<p>Die Verhaftungsgr\u00fcnde der beiden Frauen waren die Folgenden: Alicia war als Halbwaise aufgewachsen und lebte zusammen mit ihrer Mutter in Warschau, wo sie den 1. Warschauer Aufstand am 1. August 1944 miterlebte, bei dem sich die polnische Armee gegen die deutschen Besatzungstruppen auflehnte. Mutter und Tochter waren an den Protesten aber nicht beteiligt, sondern wurden nichts ahnend mit allen Zivilisten, die sich zu diesem Zeitpunkt am Ort des Geschehens befanden von deutschen Soldaten verschleppt und in Konzentrationslager gebracht. Mariana wurde als 4-j\u00e4hriges M\u00e4dchen gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer Gro\u00dfmutter am 12. Dezember 1941 in ein Konzentrationslager eingeliefert. Ihr Vater war als Pole in Hamburg geboren worden, habe sich aber geweigert, die deutsche Staatsangeh\u00f6rigkeit anzunehmen, was der ausschlaggebende Grund f\u00fcr die Verhaftung der Familie gewesen war. Mariana erz\u00e4hlte uns, dass sie sich, obwohl sie noch sehr klein gewesen war, an alles Schreckliche, was ihr widerfahren ist und was ihr angetan wurde, erinnern k\u00f6nne, und dass sich diese Erinnerungen f\u00fcr immer in ihr Ged\u00e4chtnis eingebrannt h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Sie war von Mutter und Gro\u00dfmutter getrennt und in eine extra Baracke gebracht worden, in der sich alle Kinder unter 14 Jahren befanden. Jedes musste ein Schild mit einer Nummer um den Hals tragen. Die Kinder wurden von ihren Aufsehern geschlagen und gequ\u00e4lt, und es wurden grausame Experimente an ihnen durchgef\u00fchrt. Den Kindern war es verboten zu weinen, sonst wurden sie geschlagen. Alle drei Zeitzeugen berichteten einstimmig, dass das, was sie am meisten gequ\u00e4lt habe, die Ungewissheit gewesen sei, ob ihre Verwandten, mit denen sie eingeliefert worden waren, \u00fcberhaupt noch am Leben waren; der bei\u00dfende Geruch der Leichenverbrennung sei allgegenw\u00e4rtig gewesen. Lediglich Alicia konnte ihre Mutter manchmal heimlich durch den Zaun sehen und bekam Essen auf die andere Seite gereicht und tr\u00f6stende Worte zugesprochen.<\/p>\n<p>Mariana wurde nach langen 2 Jahren und 8 Monaten gemeinsam mit ihrer Gro\u00dfmutter am 21. Januar 1945, also circa 3,5 Monate vor Kriegsende, befreit. Eugenius war w\u00e4hrend des Krieges in mehreren KZs inhaftiert und wurde am 9. April 1945 befreit. Alicia berichtete, dass ihre Gro\u00dfmutter mit ihr nach der Befreiung durch die Amerikaner so schnell wie m\u00f6glich die Front verlassen habe und auf eigene Faust Richtung polnischer Grenze gezogen sei; einen Monat sp\u00e4ter wollte es das Gl\u00fcck, dass es auch Alicias Mutter zu einem verabredeten Treffpunkt schaffte \u2013 sie hat allerdings in ihrem weiteren Leben kein Wort mehr \u00fcber diese Zeit gesprochen. Es sei bis heute schwer, mit ihrer Vergangenheit zu leben, sagen alle drei Zeitzeugen, und mit ihren Verwandten haben sie nie viel dar\u00fcber gesprochen, was sie in den Konzentrationslagern erlebt hatten.<\/p>\n<p>Nach der ersten Fragerunde, hatten wir die M\u00f6glichkeit, Fragen an Eugenius, Alicia und Mariana zu stellen, zum Beispiel: Was ist die schlimmste Erinnerung an die Zeit im KZ? Gab es etwas, das Mut gemacht hat? Wie kann man im Nachhinein damit umgehen, und wie haben sich die Eltern danach ver\u00e4ndert? Auf diese und weitere Fragen antworteten alle drei gerne und ausf\u00fchrlich. In unseren Einzelgespr\u00e4chen nach der offenen Fragerunde gingen sie aber noch tiefer ins Detail, und die Fragen wurden noch ein bisschen pers\u00f6nlicher und im kleinen Kreis beantwortet.<\/p>\n<p>Eine der f\u00fcr mich pers\u00f6nlich interessantesten Fragen an unsere G\u00e4ste war, ob es ihnen m\u00f6glich sei zu verzeihen, beziehungsweise wie sie reagieren w\u00fcrden, wenn sie einen ihrer Peiniger auf der Stra\u00dfe wiedertreffen w\u00fcrden. Eugenius antwortete darauf ganz klar mit \u201eja\u201c, was uns alle sehr \u00fcberraschte. Er halte am Gebot der N\u00e4chstenliebe fest, sagte er ganz \u00fcberzeugt. Alicia war dagegen ganz anderer Meinung: Sie h\u00e4tte sich auf jeden Fall an ihrer damaligen Aufseherin r\u00e4chen wollen! Mariana antwortete auf diese Frage, dass sie es nun einfach genie\u00dfe, in Frieden zu leben, und dass sie, wenn sie jemandem aus ihrer KZ-Zeit \u00fcber den Weg laufen w\u00fcrde, die Person einfach ignorieren w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Am Ende dieses Vormittags waren wir alle h\u00f6chst beeindruckt davon, was diese Menschen schon als Kind haben durchmachen m\u00fcssen, und wie selbstbewusst und aufrecht sie dagegen heute vor uns gestanden haben.<br \/>\nElise Steinbrenner, Q3<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Da wir uns im Unterricht der Q3 gerade mit der Zeit des Nationalsozialismus besch\u00e4ftigen, hat es sich angeboten, ein sogenanntes Zeitzeugengespr\u00e4ch mit Menschen zu f\u00fchren, die Hitlers Schreckensherrschaft \u00fcberlebt haben. Erm\u00f6glicht wurde dies dank der Stiftung &#8222;Zeichen der Hoffnung&#8220;. 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