{"id":1319,"date":"2011-11-15T22:59:30","date_gmt":"2011-11-15T22:59:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gutenberg-gym.de\/?p=1319"},"modified":"2011-11-15T22:59:30","modified_gmt":"2011-11-15T22:59:30","slug":"besuch-von-ehemaligen-kz-haftlingen-an-der-wiesbadener-gutenbergschule","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gutenberg-alt.wiesan.de\/hp\/2011\/11\/besuch-von-ehemaligen-kz-haftlingen-an-der-wiesbadener-gutenbergschule\/","title":{"rendered":"Besuch von ehemaligen KZ-H\u00e4ftlingen an der Wiesbadener Gutenbergschule"},"content":{"rendered":"<p>Zehn Uhr vormittags. Aula der Gutenbergschule. 180 Sch\u00fcler sind versammelt, und man k\u00f6nnte eine Stecknadel fallen h\u00f6ren. Auf dem Podium berichten vier G\u00e4ste aus Warschau von ihren schlimmen Erlebnissen w\u00e4hrend der Besetzung ihres Landes durch Nazideutschland. Nach dem \u00dcberfall auf Polen im September 1939 wurden die Schulen geschlossen, Lehrer, Pfarrer, \u00c4rzte, die Intelligenz des Landes verhaftet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bei der heute 88j\u00e4hrigen Sabina Nawara traf es die gesamte Familie, die im Widerstand engagiert war. Zehn Tage Verh\u00f6re bei der Gestapo (\u201eSie wollten Namen wissen.\u201c), ein Zeitraum, \u00fcber den sie ansonsten schweigt. Dann Transport nach Auschwitz, wo die Ank\u00f6mmlinge kahl geschoren wurden, T\u00e4towierung der H\u00e4ftlingsnummer, Baracken, harte Arbeit, schlechtes Essen. \u201eWir hatten eine Zahnb\u00fcrste, kein Handtuch, keine Toiletten\u201c, erinnert sich Pani Sabina.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eugeniusz D\u0105browskis Familie wurde denunziert, weil sie einem j\u00fcdischen Freund Zuflucht gew\u00e4hrte. Mitten in der Nacht stand ein SS-Kommando vor der T\u00fcr. \u201eZum Gl\u00fcck war der Jude zu diesem Zeitpunkt nicht bei uns, sondern im Haus einer meiner Schwestern. Sonst w\u00e4ren wir sofort erschossen worden\u201c, sagt Dabrowski. Anders als in den \u00fcbrigen besetzten L\u00e4ndern galt in Polen auf das Verstecken von Juden die Todesstrafe. So wurden Mutter, drei Schwestern, ein achtj\u00e4hriger Neffe und der junge Dabrowski \u201enur\u201c nach Auschwitz gebracht. Wie die anderen Zeitzeugen wurde er durch verschiedene Lager geschleust, musste in der Waffenproduktion arbeiten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Schikanen, \u00dcbergriffe, willk\u00fcrliche Festnahmen pr\u00e4gten die deutsche Besatzungszeit. Nach dem von der polnischen Heimatarmee organisierten Warschauer Aufstand Anfang August 1944 begannen die Nazitruppen, die Stadt zu evakuieren, Block f\u00fcr Block abzufackeln. \u00dcberall auf den Stra\u00dfen lagen Leichenberge, die mit Benzin \u00fcbergossen und angez\u00fcndet wurden. \u201eAm 10. August 1944 begann meine pers\u00f6nliche Trag\u00f6die\u201c, erz\u00e4hlt Maria Stroi\u0144ska, die damals 12 Jahre alt war. Wie viele andere wurde auch ihre Familie aus der Wohnung gezerrt, der Vater vor ihren Augen erschossen, die Mutter schwer verletzt. Die vier Jahre \u00e4ltere Schwester kam ins KZ Neuengamme bei Hamburg, Maria selbst mit einem Kinder\u00adtransport nach Auschwitz. Es folgte der harte Frostwinter 1944, pseudomedizinische Versuche durch den ber\u00fcchtigten KZ-Arzt Dr. Josef Mengele, die Evakuierung von Auschwitz, lange Fu\u00dfm\u00e4rsche nach Osten. Schlie\u00dflich das \u201ehappy end\u201c mit der R\u00fcckkehr ins zerst\u00f6rte Warschau. Die Mutter, krank zwar, hatte \u00fcberlebt. \u201eIch hatte keine Kindheit\u201c, sagt Maria Stroi\u0144ska.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ob und wie sie diese traumatischen Erfahrungen verarbeitet haben, wollen die Gutenberg\u00adsch\u00fcler wissen. Beiseite geschoben, ausgeblendet, jahrelang \u2013 so sei sie mit den Leiden umgegangen, erkl\u00e4rt die 88j\u00e4hrige Alina D\u0105browska. In beeindruckend gutem Deutsch \u00fcbrigens, denn sie hat vor dem Krieg im Gymnasium die Sprache gelernt. \u201eWenn mich eine Bekannte aus dem Lager auf der Stra\u00dfe ansprach, sagte ich, ich kenne Sie nicht, ich war nicht dort.\u201c Unter lang\u00e4rmligen Pullovern habe sie die eint\u00e4towierte KZ-Nummer verborgen. Sie habe f\u00fcnfzig Jahre gebraucht, bevor sie erstmals nach Auschwitz fahren konnte. So wie Maria Stroi\u0144ska. Ob ihnen die Religion geholfen habe, und was die schlimmsten Ereignisse gewesen\u00a0 seien, fragen die Sch\u00fcler weiter. Ja, der Glaube sei eine wichtige St\u00fctze, sagen die G\u00e4ste. Ge\u00admeinsam h\u00e4tten die H\u00e4ftlinge Lieder gesungen und gebetet, die Hoffnung nicht aufgegeben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die schlimmsten Ereignisse? Die Nacktheit bei der Ankunft im KZ, sagt Sabina Nawara. M\u00e4nner, Frauen, Junge, Alte. Ein Schock. F\u00fcr Eugeniusz Dabrowski Weihnachten 1944: W\u00e4hrend die Wachen \u201eO Tannenbaum\u201c sangen, versuchten er und ein Mitgefangener, hungrig, Kartoffelschalen zu stehlen. Sie wurden entdeckt, misshandelt, schwer verletzt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Polen freuen sich \u00fcber das Interesse der Jugendlichen. Nach dem Krieg habe sie zun\u00e4chst Angst gehabt, Deutsche zu treffen, sagt Alina D\u0105browska. Aber sie sei freundlich aufgenom\u00admen worden. Den Kontakt nach Deutschland erm\u00f6glicht unter anderem der Evangelische Ver\u00adein Zeichen der Hoffnung.\u00a0 Die Initiative mit Sitz in Frankfurt am Main, die seit 1977 besteht, versteht sich als deutsch-polnisches Vers\u00f6hnungswerk. Sie unterst\u00fctzt ehemalige KZ-H\u00e4ft\u00adlinge und organisiert regelm\u00e4\u00dfig Kuraufenthalte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sabina Nawara bemerkt \u201eviele traurige Gesichter\u201c im Publikum. Aber \u201edas sind Leiden der Vergangenheit. Wir sind nicht hier, um anzuklagen.\u201c Immer wieder betonen die G\u00e4ste, die Bedeutung freundschaftlicher Beziehungen, Frieden, zumindest in Europa. Ihre Botschaft an die jungen Wiesbadener: \u201eSeid aufmerksam, wenn respektlos mit Menschen umgegangen wird und engagiert euch, schreitet ein.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zehn Uhr vormittags. Aula der Gutenbergschule. 180 Sch\u00fcler sind versammelt, und man k\u00f6nnte eine Stecknadel fallen h\u00f6ren. Auf dem Podium berichten vier G\u00e4ste aus Warschau von ihren schlimmen Erlebnissen w\u00e4hrend der Besetzung ihres Landes durch Nazideutschland. 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