Im August 1942 schrieben Paul Kesters Eltern, dass sie Wiesbaden verlassen müssten – voraussichtlich nach Theresienstadt. Auch während der Inhaftierung in Theresienstadt, hatte Paul Kester Kontakt zu seinen Eltern. Die Post funktionierte weiterhin, denn „Ordnung muss sein“. Sechs Zeilen mit unbedeutendem Inhalt waren erlaubt.
Ein halbes Jahr später kam Paul Kesters Post, die an seine Eltern adressiert war, mit der Nachricht „abgereist“ wieder zurück. Erst später hat Paul Kester erfahren, dass seine Mutter und sein Vater von Theresienstadt nach Ausschwitz deportiert und dort direkt vergast wurden. Paul Kesters Großmutter ist in Theresienstadt verstorben – auch sie war für einen Transport nach Ausschwitz vorgesehen.
Paul Kester erlebte das Kriegsende im Mai 1945 mit gemischten Gefühlen. Er hatte viel verloren und zugleich die Möglichkeit, sein Leben wiederaufzubauen.
1946 fuhr Paul Kester erstmals in die USA, wo er seine Schwester und andere Verwandte wiedersehen konnte.
1947 reiste Paul Kester von Schweden mit einem Freund in die Niederlande. Auf ihrer Reise durchquerten sie mit dem Zug Norddeutschland mit Landschaften von endlosen Ruinen. Sie reisten auch nach Wiesbaden und er suchte die alte Wohnung seiner Familie auf. Alles war so, wie seine Familie es verlassen hatte. Die damalige Mieterin war nicht begeistert ihn zu sehen, gab ihm etwas Geld, aber letztendlich hatte Paul Kester kein Interesse an den Gegenständen – es waren die Menschen, die ihm fehlten.
1948 wanderte Paul Kester zusammen mit seiner Frau, die ursprünglich aus Berlin stammte, nach Los Angeles in die USA aus. Dort lebt Herr Kester bis heute.
Am Ende seiner Erzählung wandte Herr Kester sich mit den folgenden Wünschen an die zuhörenden Schülerinnen und Schüler:
- – Schätzt es, in einem freien Land in Demokratie zu leben!
- – Hasst keine anderen Menschen, auch wenn sie anders aussehen!
- – Zeigt, dass ihr tolerant seid!
Paul Kester bedankte sich, dass er bei uns an der Schule sprechen durfte und forderte die Schülerinnen und Schüler auf, Fragen zu stellen.
Auf die Frage …
…. nach seinen Gefühlen bei seiner Auswanderung nach Schweden antwortete Herr Kester, dass er einerseits traurig war, nicht mit seiner Familie auswandern zu können, aber andererseits auch froh war nach Schweden zu können. Insgesamt konnte er sich gut auf die neue Situation in Schweden einlassen und hatte sich schnell eingewöhnt.
… ob er als Jude heute Schwierigkeiten habe, antwortete Herr Kester, dass er in den USA keine Probleme habe, es als Kind für ihn in Deutschland aber schwer gewesen sei. In den USA ist er aktiv in vielen jüdischen Organisationen und erzählt auch an amerikanischen Schulen von seinen Erlebnissen.
… ob er nicht manchmal Hass gegenüber den Deutschen empfindet, antwortete Herr Kester, dass er die Nazis nur hassen konnte, da sie schließlich seine Familie und Freunde getötet hatten. Er aber nicht alle Deutschen gehasst hat. Auf seiner ersten Reise in Deutschland nach dem Zeiten Weltkrieg hat er sich sehr fremd gefühlt, weil er nie wusste, was die Menschen, denen er begegnete, getan hatten. Herr Kester betonte, dass die jungen Deutschen nicht schuldig seien für das, was ihre Großeltern getan hätten, sie seien es aber schuldig, ihre Geschichte zu kennen und dem Grundgesetz zu folgen: „Die Würde des Menschen ist unantastbar!“